Gut sein ist nicht leicht

Ich kümmere mich hauptsächlich um einen einzigen Menschen. Es ist nicht immer leicht, denn er will nicht immer das tun, was gut für ihn wäre. Ich verwöhne ihn wirklich sehr. Ich rede ihm ein, dass er sich nicht überarbeiten soll, dass er ruhig mal ein bisschen mehr essen darf. Ich mache ihm alles sehr leicht, denn wir stehen uns sehr nahe.  Der einzige Mensch um den ich mich in meinem Leben gekümmert habe, bin ich.

„Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich bin nur ein Egoist. Der Mensch der mir am nächsten ist, bin ich, ich bin ein Egoist.“ (Falco)

Sad, but true. Und da gibt es noch sogar noch andere Menschen, die sich ganz selbstlos um mich kümmern. Manchmal hab ich das Gefühl, meine Familie dreht sich ganz selbstverständlich wie ein Sonnenystem um mich. Ich bin die Prinzessin auf der Erbse und als Einzelkind lebe ich in einem Palast aus Weichgummi.

Ich will jetzt mal was tun, was nützlich für andere ist. Aber wie? Heute habe ich mit dem Blutspenden angefangen. Ich wurde untersucht und habe erfahren, dass meine Eisenwerte super sind. Sicherlich hätte ich diese exorbitant perfekten Eisenwerte gerne mit Bedürftigen auf den Krankenstationen dieser Stadt geteilt, doch es musste anders kommen. Eine Venenklappe klapperte mir in mein Vorhaben. Die 60ml Blut (es hätten 500ml sein müssen) wollten einfach nicht aus ihrer vertrauten Blutbahn gekrochen kommen.  Gut sein ist schwer.

Ein Ehrenamt, das wärs! Sowas, wie damals im Katzenheim. Ich habe dort in der 10. Klasse ein Praktikum gemacht, weil ich den armen Katzen und den heroischen Gutmenschen im Katzenschutzverein bei ihrem Versuch beistehen wollte, das Gute in die Welt zu bringen. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, stand auf einer Holztafel im Büro, das eher ein ärmlicher Schuppen war. Oder war das  „Man muss das Gute tun, damit es in der Welt ist?“ Auf jeden Fall eine Menge altruistische Selbstbeweihräucherung (mir ist die Paradoxie dieses Ausdrucks bewusst.)

Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass „gut sein“ echte Arbeit ist. Und dass man ausgenutzt wird, wenn man zu gut ist. Eine Mitarbeiterin wurde krank und statt ihr an die Seite gestellt zu werden und langsam herangeführt zu werden, habe ich die ganze Arbeit dieser Mitarbeiterin gemacht, während meine Mitschüler sich Medienfuzziwitze anhörten und gelangweilt auf einem Bürostuhl kippelten.

Frau Maucolin, die Chefin, hatte einen Chefhund, der mindestens genauso giftig war, wie sie und der einem ständig in die Beine lief. Alles in allem nicht so erfreulich. You live, you learn: Sei nicht zu gut, sonst sind andere schlecht zu dir! Und der Hund beißt dich!

Auch andere Versuche mich nützlich zu machen, allerdings entgeltlich, scheiterten. Der Job in der Fahrschule hat mir alles in allem Spaß gemacht, wenn der Chef mir nicht an die Wäsche gegangen wäre.

Dann habe ich bei TDS Calls gearbeitet, einem der größten Outbound Callcenter. Hier sollte ich arglosen Menschen SKL-Lose aufschwatzen und ihnen erklären, dass sie an einem Gewinnspiel teilgenommen hätten, welches nie existierte.  Für diesen Job war ich eindeutig zu gut. Ich hab mir diesen Mist selbst nicht geglaubt und hab stattdessen mit alten Leuten ein Telefonpläuschen eingelegt. Die haben ja so oft den lieben langen Tag niemanden zu reden und dann ruft mal einer an und der will ihnen dann auch noch Schlechtes, weil sich das für SKL lohnt und für die Wirtschaft und auch sonst.   Ich war wirklich sehr erfolgreich: Viele Rentner wollten mit mir essen gehen oder waren einen Schritt davor, mich als Enkelkind zu adoptieren, aber das SKL Los haben sie nicht gekauft. Zu ihrem Glück.

Seitdem habe ich nichts allgemein nützliches mehr getan, außer  bei einem Kinderfest geholfen (der schlimmste Muskellater meines Lebens) und die Nacht der Oberstufenparty schweißnass und völlig außer Atem in der Gaderobe verbracht, weil die anderen Eingeteilten sturzbetrunken in der Ecke lagen.

Ich frage mich also, gibt es eine Arbeit, etwas Nützliches oder Gutes, was ich tun könnte, ohne ausgenutzt, begrabscht, zum Betrug ermuntert, überfordert oder versklavt zu werden?

Einfacher wäre es wohl, bei meinem alten Credo (frei aus der Bibel) zu bleiben: Der Mensch muss lernen sich zu lieben, dann können ihn die andern gerne haben. Aber das wäre zu leicht und das Gute ist nicht leicht, das haben wir ja nun gelernt.

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