Entscheidungsfindungs – inkompetenz.

Aldi-Kunden sind glücklichere Menschen.

Bei mir sind Aldi und Sky direkt nebeneinander. Ein Komfort, denn man kann sich die Basics beim billigen Aldi besorgen und was darüber hinausgeht, bei dem wesentlich teuereren, aber dafür auch besser sortierten Sky einkaufen.

Bei Aldi greife ich zielsicher in die Regale, denn die meisten Produkte gibt es nur in einfacher Ausführung. Ich fluche zwar darüber, dass es keine Lightfassung der Salami gibt, aber dafür gibt es ja Sky.

Im Sky vorm Wurstregal:

Aha, okay, es gibt Pfeffferrandsalami, beste Qualität, einen Salami-Partymix, Käserandsalami, Putensalami, Salami am Stück, geräucherte Salami…eben alles, was  eine Wurst so werden kann und das ganze alles nochmal in der Lightfassung. Ich stehe, angesichts dieses Wurstwaldes, völlig verzweifelt vor dem Regal. Als ich mich für eine billige Lightsalami entschieden habe, das gleiche Spiel im Gurkenregal, im Honigregal (ja es gibt hier ein ganzes Regal für Honig), dem Suppenregal…

Als ich rauskomme bin ich unglücklich: Ich hätte bestimmt eine bessere Salami bekommen können, als die, die ich nach langem Ringen mit mir selbst  ausgewählt habe. Und dafür habe ich meine kostbare Lebenszeit indem kalten Röhrenlicht des Wurstregals verbracht. Na danke, liebe Konsumgesellschaft, manchmal habe ich das Gefühl du konsumierst mich, und nicht andersrum.

Kann das mit ein Grund sein, warum viele Ostdeutsche angeben, in der ehemaligen DDR mit ihrem einfachen Konsum-Lädchen glücklicher gewesen zu sein. Ist das der Grund, warum sich 21% die Mauer wieder wünschen? Auf der Flucht vor dem Wurstwald und der Marmeladenmauer?

Oder auf Vanuatu, der Insel wo angeblich die glücklichsten Mennschen des Universums leben, vermisst man da etwa Sky, Rewe, Metro oder andere banal große Warenhäuser?

Okay. Ich als westlicher nicht-Vanuatuaner, müsste – geben wir es doch mal zu – die Kompetenz haben aus einem Angebot das für mich passende herauszufinden. Kann ich aber nicht.

Das Leben besteht aus Entscheidungen und ich kann mich nicht entscheiden.

Ein Glück, dass es mir in seltenen Fällen doch gelingt, sonst würdest du, lieber Leser, jetzt nicht in den Genuss dieses äußerst wahnwitzigen, ja haarsträubenden,  DDR – Vanuatu Vergleich  kommen.  Ich hätte diese Woche durchaus Zeit gehabt einen Blogeintrag zu  verfassen, aber ich konnte mich nicht entscheiden über was. Über die katastrophale westliche Berichterstattung aus dem Orient, über selbstmordgefährdete Brustvergrößerer, über ungezogene Raucher, oder über meinen ganz persönlichen Diät-Wahnsinn… ? Da hab ich vorsichtshalber lieber nichts geschrieben.

Genauso geht es mir im Alltag. Ich sitze manchmal mit offenem Mund da, ein Sabberfaden rinnt mir aus selbigem, und mache ganz unreflektiert sinnlose Facebook-Quizzes. In Wirklichkeit klicke ich nur Felder an und in meinem Hirn explodieren die Synapsen!!! Ich zerbreche mir den Kopf: Was soll ich sinnvoller Weise zuerst machen? – Zur Bank gehen, Einkaufen, in die Drogerie, oder doch erst mal lernen? Nach langem rumdaddeln bin ich irgendwann gezwungen eine dieser Sachen zu machen, aber nur, weil ich sonst verhungern würde. In den seltensten – will sagen in KEINEM der Fälle –  entscheide ich mich für’s Lernen. Da müsste man sich ja wieder entscheiden: Arabisch oder Türkisch? Und wenn Arabisch, zuerst Grammatik oder Vokabeln? Die neue Grammatik oder Grundlegendes? Welche Lektion?

Ich weiß nicht was soll das bedeuten, dass ich nicht entscheiden kann…

Wäre ich ein Entscheidungswürfel geworden, wäre meiner sicher der weltweit erste gewesen auf dem Jein stand. Und das ist nicht nur bei Einkäufen so. Wie kommt das?

  • Entscheiden hat was mit Verantwortung zu tun. Nicht entscheiden geht nicht, weil immer entschieden wird. Was ich hier schreibe, geht auf  Kosten dessen, was ich hier nicht schreibe. Wer sich leicht entscheidet, weiß: Mein Leben gehört mir, nur ich kann entscheiden, nur ich habe die Schuld und die Verantwortung für eine Entscheidung. Ein solches Mantra ist oft sinnvoll für Menschen, die ihre Entscheidungen zu sehr von dem abhängig machen, was das Umfeld denkt. Aus dieser Gruppe kann ich mich leider nicht ausschließen.
  • Sicherheitsdenken: Nicht umsonst heißt es: Wer wagt, gewinnt! Woran? An Auswahlmöglichkeiten. Das klingt jetzt paradox, weil die übergroße Auswahl ja eigentlich zu vermeiden ist, aber oft können sich Menschen nicht entscheiden, weil sie zu sehr ihrem Sicherheitsbedürfnis verhaftet sind und so die gefühlsmäßig richtige Möglichkeit als zu risikoreich befinden und sich deshalb selbst im Weg stehen. Eine Entscheidung ist immer ein Schritt ins Ungewisse. Man kann sich also fragen: Wie würde ich mich entscheiden, wenn ich keine Angst hätte?
  • ENT-SCHEID-ung: Hört ihr den Verlust? Das Ent- und das -scheid- zwingen dich von liebgewonnenen Gewohnheiten zu scheiden. Wie gruselig. Lieber nicht ent-scheid-en.

Ich habe ein wenig recherchiert und Möglichkeiten gefunden, die Entscheidungsfindungskompetenz ein bisschen zu  erhöhen:

  • Mit anderen drüber reden, bevor man sich in seinem Gedanken- Wirrwarr verheddert.
  • Wenn kein anderer da ist: Sei dir selbst ein Freund und tu so als wärst du ein Außenstehender mit dem Blick auf fremde Probleme.
  • Würfeln? Ene- mene-muh? Hört sich blöd an, wirkt aber. Nämlich dann, wenn einem die erwürfelte Möglichkeit gefühlsmäßig nicht passt,  kann man die schonmal ausschließen.
  • Was sagt Mutti immer: Schlaf doch nochmal ne Nacht drüber.  Mutti hat recht. Auf nüchternen Magen entscheidet es sich leichter, als mit ner Menge Emotionen im Bauch.
  • Bei großen Entscheidungen, hilft folgendes Szenario: 10 Jahre sind vergangen, bist du noch glücklich mit der Entscheidung? Hätten das doch einige Arschgeweihträgerinnen bedacht…

Wenn ihr also demnächst jemanden vorm Wurstregal würfeln seht, dann bin ich das. Ich stelle mir höchstwahrscheinlich gerade die Frage, ob ich mit dieser Salami auch in 10 Jahren noch glücklich bin.

Kann auch sein, dass ich ohne Salami an die Kasse komme. Dann hab ich mich wahrscheinlich dafür entschieden, nochmal drüber zu schlafen.

PS: Es ist völlig abwegig und auch verboten,
mir Prokrastination oder Faulheit vorzuwerfen!
Ich bin ein entscheidungsfindungsinkompetentes armes Würstchen!

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3 Gedanken zu “Entscheidungsfindungs – inkompetenz.

  1. ach vanessa, herrlich!! ich habe gelacht und deinen schreibstil bewundert – sehr schön, sehr schön. und mich dann doch tatsächlich auch in dem von dir beschriebenen wiedergefunden – lebensmittel einkaufen ist schrecklich, ich weiß ja nichtmal mehr was ich mir kochen soll!

    wir habens schon schwer :D

  2. Okay, ich gestehe, ich bin simpel veranlagt und gehe lieber essen, einkaufen für eine Person ist langweilig.

    Wider aller Erwartungen kommen jedoch die großen Momente, augenblicke in denen ich mich entscheide zu kochen, losziehe und wirklich einkaufe und habe dabei eine Entdeckung gemacht! Vergiss Light, scheiß auf Ausschnitt, schmeiß das Brot weg, koch dir was leichtes und ess morgens Müsli, fürs Kochen einkaufen zu gehen macht viel mehr Spaß als für die tägliche Ernährung;-)

  3. Großartig, wenngleich der Hintergrund einen mindestens kleinen Konflikt darstellt. Denn das, was du so schön beschreiben kannst, ist normalerweise die Depression. Aber da du das weißt, weiß ich wiederum, dass du damit spielst. Und das macht die Sache natürlich noch viel interessanter. Einfach gesagt und auf ein Minimum reduziert, gibt es die Depression und die Aggression. Depression meinst NICHT: ich bin traurig. Es ist nur die Folge. Die Folge aus dem Sich-nicht-Entscheiden können. Die Aggression ist NICHT: ich hau dir auf die Fresse. Es ist nichtmal die Folge aus der Entscheidung, es sei denn, ich entscheide mich bewusst dazu, Dir (also nicht Dir, aber jemandem) auf die Fresse zu hauen. Aggression meint eben nur Entscheidung, weil ich mich in der Tat von der anderen Möglichkeit scheide, also trenne. Und dann ist der Konflikt eigentlich schon da, nämlich dann, wenn ich Angst habe vor dem Sich-Scheiden, vor der Trennung und den Folgen des Schmerzes. Und zuguterletzt kommt jetzt noch die Psyche dazu (eigentlich von Anfang an, aber das merkt mein Bewusstsein noch nicht) und stellt mir ein Bein. Und das geht so, dass ich aus lauter Angst vor der Trennung (nach dem Motto: das geht sowieos wieder schief) die Trennung vorwegnehme und mich eben trenne. Was sich paradox anhört ist das Vermögen unserer Psyche, mit uns sein eigenes Spielchen zu treiben. Denn die Psyche kennt uns ja so gut. Und sie weiß, dass ich dann ja noch mehr Angst habe vor der Ent-Scheidung, weil ich doch gerade mal wieder gesehen habe, dass es nicht funktioniert. Und weil ich diesen Fehler in mir im doppelten Sinne verstehe und missverstehe, höre ich auf zu entscheiden, sowohl für das Zusammensein als auch gegen die Trennung. Ich entscheide also unbewusst und unmerklich, damit mir nicht auffällt, dass ich mich tatsächlich getrennt habe. Und zwar nicht aus dem Grund, weil ich mich trennen wollte (das wäre die Aggresssion), sondern genau umgekehrt, weil ich mich nicht trennen wollte und nur, weil ich Angst vor der Trennung habe. Heißt: Die Angst vor der Trennung lässt mich trennen, die Angst vor der Angst macht mich ängstlich und die Angst die falsche Salami zu kaufen macht mich zu einem Würstchen. Nur gut, dass es Menschen gibt, die diese Würstchen einfach unglaublich subtil, sympathisch, interessant, lesenswert und bemerkenswert finden. Ganz abgesehen von den Leuten, die sie auch schon anders gesehen und erlebt haben dürften.

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