Frankfurt meine Perle

Frankfurt ist die am meisten missverstandene Stadt in ganz Deutschland.

Ich stand letzte Woche in einer Buchhandlung und habe vollkommen unwillkürlich ein Buch herausgegriffen, das den nicht allzu spannenden Namen „Öde Orte“ trug. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis: Frankfurt am Main, „Frankfurt ist Bielefeld am Main“. Christian Y. Schmidt lebt in Frankfurt und findet’s scheiße.  Ich finde: So einen Verriss hat Frankfurt nicht verdient.

Und was hab ich nicht schon alles gehört: Charakterlos und hässlich, schäbig, Möchtegernmetropole. Aber dann auch wieder: „Frankfurt ist die Pumpe der Republik, ihre eigentliche Hauptstadt“ (Der Spiegel), oder was Berlins erster Regierender Bürgermeister Ernst Reuter nach dem Krieg zur Hauptstadtübergangslösung sagte: „Wenn Frankfurt Hauptstadt wird, wird es Berlin nie wieder“. Und auch der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx findet, dass Frankfurt eine spannende Stadt mit einem spannenden intellektuellen Klima sei. Fragt sich nur wer dieses intellektuelle Klima herstellt – Unsere Vorzeigeintellektuelle Sabrina Setlur etwa?

Nein, nein. Mein Frankfurt ist das alles nicht. Vielleicht sollten wir bei der Bevölkerung anfangen, denn die macht eine Stadt schließlich aus.

Mir wurde zugetragen, dass sich eine ostdeutsche Zugereiste, gerade am Bahnhof angekommen, gefragt haben soll, wo denn eigentlich die Deutschen sind. Mir hingegen fällt schon garnicht mehr auf, dass sich der türkische Brautmodenladen zu dem serbischen Kleinelektroladen gesellt, wie der arabische Falafelimbiss zur italienischen Trattoria.  Total normal in Frankfurt. Es gibt 26% Ausländer, im bundesdeutschen Vergleich also der höchste Anteil. Es gibt aber vor allem mehr junge Ausländer, als junge Deutsche. Das Straßenbild bestimmen also in vielen Gegenden die Ausländer, bzw Deutsche mit Migrationshintergrund. Welch ein Glück für mich: Wäre ich nicht in einem Ortsteil aufgewachsen, der einen stolzen Anteil von 43% Ausländern aufweist (der Rest deutsche Rentner) und wäre mein Kindergärtner nicht Türke gewesen, wer weiß, ob ich heute Türkisch und Arabisch lernen würde.

Eine weitere bezeichnende Bevölkerungsgruppe sind für mich die Bänker. Überall tragen sie gewichtig ihre braunen Lederköfferchen zwischen Börse und Oper umher. Zur Mittagspause überrollen sie die Fressgass und leisten der sechsköpfigen Trommlergruppe aus Hessisch-Kongo auf der Zeil Gesellschaft. Manch einer kann nicht an sich halten und reißt sich Jacket und Krawatte vom Leib und begeistert Umherstehende mit exzentrischen Tanzeinlagen.Überhaupt ist die Bänkerkluft nur die Fassade, denn die eigentliche Bestimmung eines Frankfurter Bänkers ist die Afterwork-Technoparty. Bänker sind verkleidete Technojünger, wurde mir mal gesagt.

In Frankfurt wurde der Techno geboren, in den 80er Jahren der Begriff Techno geprägt und die Kinder der elektronischen Tanzmusik sind eben erwachsen geworden und tragen jetzt Krawatte.

Und welches miese Würstchen wählt jetzt Roland Koch?

Dann gibt es da noch die Frankfurter Originale. Die kann man überall finden, aber in bester Laune meistens nur in der Äbbelwoischenke. Nicht nur unter Äbbelwoieinfluss sprechen diese rustikalen Gesellen ein sehr wirres Deutsch. Gestern antwortete ein Supermarktmitarbeiter, gefragt nach Papptellern: H A M T U M E R S E ! Ham…Was??? Welches Nordlicht hätte das verstanden!? Da ich aber der indigenen Bevölker entstamme,  konnte ich der Wortschlange entnehmen, dass er meinte: „Haben tun wir sie“, oder in besserem Deutsch: Wir haben sie!

Leider wählt das Stammpublikum am hessischen Äbbelwoistammtisch auch Roland Koch. Das geht zurück auf das Stammhirn, dass am Stammtisch aktiv ist. Was besseres kann dabei halt einfach nicht rauskommen. Auch kein besseres Deutsch, als es „die Ausländer“ sprechen, gegen die Herr Koch emsig Unterschriften sammelt.Das gehört nun zu den wahrhaft dunklen Seiten Frankfurts.

Angeblich soll Frankfurt ja auch die kriminellste Stadt Deutschlands sein. Der Polizeichef versicherte mir aber, dass das größtenteils vom Drogenschmuggel am Frankfurter Flughafen käme, der nunmal auch in die Statistik zählt. Mir wurde hier noch nie ein Härchen gekrümt und das einzig kriminelle, finde ich, ist Roland Koch aka evil scarface. Viele Köche verderben den Brei; ein Koch verdirbt ganz Hessen.

Provinz oder Metropole?

Bezeichnend für Frankfurt, finde ich, ist, dass es eine Straße gibt, die sich -im Sommer besonders mediterran anmutend-, von dem urbanen Zentrum bis zum letzen Kuhacker dahinschlängelt. Die Berger Straße: Ein Schmuckstück sondersgleichen und irgendwie symbolisch für diese Stadt zwischen Kuhdorf und Glitzermetropole.

Trotzdem: Allzuviele Schmuckstücke hat Frankfurt nicht. Dafür war es nach dem Krieg einfach zu zerstört und zu arm. Für mich bleibt es also mein Dörfche mit Wolkenkratzern. Bankfurt. Mainhattan. Börsistan. Äbbelwoitown.

Frankfurt versprüht seinen Charme nicht sofort, aber irgendwann sitzt man bei einem kühlen Äbbelwoi auf der Berger Straße und findet es charmant und den Vergleich mit anderen deutschen Großstädten irgendwie ulkig.

Prost ihr Babbsäck!


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