Begegnungen der 6ten Art

Ist das nicht eigentlich jedem schonmal passiert? Man ist im Urlaub am Ende der Welt. Man rollt sich mit einem Cocktail in der Hand in eine Decke ein, starrt in den indischen Ozean oder notfalls in den Swimmingpool. Plötzlich sitzt jemand neben einem, man kommt ins Gespräch und es stellt sich raus: Ihr wohnt beide in der gleichen Straße irgendwo in Deutschland, am anderen Ende der Welt, hattet den gleichen Kindergärtner oder hattet eine Beziehung mit dem gleichen Menschen( hoffentlich nicht auch noch gleichzeitig).

Mir passiert sowas ständig. Gestern bin ich mit einem Kameruner via Mitfahrgelegenheit nach Hamburg zurück gefahren. Ich erwähnte, dass ich auch Leute aus Kamerun in meinem Wohnheim kenne. Es stellte sich heraus, dass er auch schon im meinem Wohnheim gewohnt hat und einer der Kameruner, der auf meinem Flur gewohnt hat, sein bester Freund ist, er daher mein trautes Heim wirklich gut kennt. Er selbst berichtete, auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier jemanden mitgenommen zu haben, der exakt zur gleichen Geburtstagsfeier geladen war.

Auf der Hinfahrt nach Frankfurt hat mir eine Studentin, die zum Lernen in mein Institut kommt, detailgenau eine Rothaarige beschrieben, die ihr als  total künstlich und aufgesetzt aufgefallen war.  Mit dieser Rothaarigen studiere ich im gleichen Fach.

Die Welt ist klein, so klein

Auf diesen Gedanken muss der amerikanische Soziologe  Stanley Milgram auch gekommen sein, als er seinen Versuch 1967 startete: Um zu beweisen, dass eigentlich jeder jeden über ein paar Ecken kennt, lies er 60 Personen ein Paket an eine vorher festgelegte unbekannte Person Person schicken. Vorraussetzung: Die Versuchsperson durfte das Paket nicht direkt an diese Person versenden, sondern nur an namentlich bekannte Personen , die es dann auch wieder an Bekannte schickten, bis die Zielperson erreicht war. Das Ergebnis erschien so verblüffend wie einleuchtend: Jeder kennt jeden über 5,5 (aufgerundet 6) Ecken! Dieser Versuch ging in die Geschichte und vor allem in die Popkultur als „Six degrees of seperation“ ein. So war die Begegnung am indischen Ozean wohl eine Begegnung der 6ten Art.

Irgendwie wäre das schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass uns alle etwas verbindet und dass die Welt nicht voller soziophober Einzelgänger ist, wo mich doch hin und wieder das Gefühl beschleicht…

Oder ist das doch eine urbane Legende?

Eigentlich ist es ja zu schön um wahr zu sein. Statistisch müsste ich Obama ja dann auch über sechs Ecken kennen. Schön wärs.  Jüngere Forschung hat bewiesen, dass dieses Phänomen durchaus kritisch zu betrachten ist. Judith Kleinfeld, eine Psychologin aus Alaska hat einen ähnlichen Versuch angesetzt, bei dem nur 3-5% der Briefe ankamen. Hat Milgram also geschlampt?

Heutzutage kann man ja selbst Forscher spielen und muss für solche Experimente nicht mehr die Post bemühen. Der Internetnutzer kann die „Six degrees of seperation“ in seinem eigenen Social Networking Account überprüfen. In Facebook, StudiVZ, wer-kennt-wen, Couchsurfing usw kann man ja heute sehen, mit wem man über wen bekannt ist. Über eine Freundin, die besonders viele Bekannte hat, kenne ich eigentlich ganz Frankfurt und als ich in Spanien couchsurfte, fiel mir auf, dass ich eigentlich alle mit denen ich Kontakt hatte schon über 1 bis 2 Ecken kannte, meistens über andere Couchsurfer, die ich in Hamburg kennengelernt hatte und die schon viel in der Welt rumgekommen waren.

Fazit: Es ist imerwieder erstaunlich wenn einem so ein Zufall passiert, aber letztendlich gibt es unter Mitfahrern, Couchsurfern usw. viele persönliche, biografische und geografische Gemeinsamkeiten, die es wahrscheinlicher machen, dass man sich irgendwann über den Weg läuft. Man ist dann versucht, an solche Theorien zu glauben. Aber letztendlich wüsste ich nicht, was ich mit einem pensionierten Farmer in der USA oder einem Reisbauern in China gemeinsam haben sollte, so dass wir uns über sechs Ecken kennen könnten. Dazu sind die sozialen und geografischen Unterschiede einfach zu groß. Und das beweist die Theorie leider auch: Briefe von Schwarzen kommen in der USA nicht so leicht bei Weißen an und umgekehrt. Traurig.

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2 Gedanken zu “Begegnungen der 6ten Art

  1. Die Frage aber ist doch auch, ob sich dadurch bedingt der eigene Freundes oder sagen wir lieber Bekanntenkreis wirklich erweitert? Hat man plötzlich 10 Bekannte mehr oder belässt man es beim bisherigen Status, so dass die eigentlich hinzugewonnenen Bekannten nur fiktiv dazukommen? Anders gesagt, werden wir mit Sicherheit auch gemeinsame Freunde oder Bekannte haben. Aber wir haben uns nicht durch sie kennengelernt. Das ist ein großer Unterschied. Vielleicht aber auch nur ein ganz kleiner.

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