Palästinensertuch vergessen, sorry!

Manchmal ist es angebracht, sich einen Linksruck zu geben. Sonst wird man schief angeguckt oder gleich verprügelt (Autonome) .

Ich durfte die letzte Woche desöfteren mal linke Lebenswelten erleben. Bisher lebte ich in meiner eigenen mittellinken, in der es total okay ist, Glitzerklammotten und High-Heels zu tragen, genauso wie Hornbrille und Lamawollpullover. In meiner Welt darf jeder so sein wie er ist, und solange er mich nicht unter Druck setzt, so sein zu müssen wie er und seine peer group, war alles okay und wir konnten Freunde werden.  Ich dachte immer, dass Linke auch so denken, bis ich mit ihnen in ihrem verranzten Café  fair gehandelten Bio-Kaffee trinken wollte.

Sowas Konformes kommt mir nicht in die Jute-Tüte

Ich war im Gängeviertel, dass seit dem 22. August 2009 in der Hand von jungen und wirklich begabten Hamburger Künstlern ist, und mir war saukalt. Als ich meiner Begleitung vorschlug, dort einen Kaffee trinken zu gehen, schaute mich ein Mann, der seine Haare als Würste trug, und dessen Hals fest im obligatorischen  Palästinensertuch verankert war, von oben bis unten an. Seine Blicke sagten: „Moment mal, wo hast du denn dein Palästinensertuch gelassen? Also so konform gekleidet kommst du hier aber nicht rein. Was soll das denn aussagen. Also mit einem schwarzen T-Shirt  und einem Jeansrock kann man nun wirklich nicht gegen etwas sein, da musst du dir schon was besseres einfallen lassen. Wenn du wenigstens ein Leinenhemd gegen die Konsumgesellschaft tragen würdest, oder ein paar  Badges, wo draufsteht, gegen was du bist.  Aber sowas kommt mit nicht in den Jute-Sack. “

Ich war kurz davor mit die Haare ebenfalls schnell zu würsteln, vom Campus-Café nebenan ein Geschirrspültuch zu klauen und um Einlass und Akzeptanz zu bitten, besann mich dann aber doch eines besseren.

Immer schön die Szene putzen, oder was?

Hey, ich weiß, dass Kleidung eine Wir-Identität schafft, und wer sich gerne uniformiert soll das gerne tun, aber ich bleib dann doch lieber bei meiner Ich-Identität. Steh ich halt alleine da, ganz ohne Szene.

Und okay, es ist nicht so, als hätte ich keine Vorbilder.  Zumindest habe ich rausgefunden, dass Farin Urlaub ( Toller Typ!) auch so denkt wie ich. Der Mann trägt seit geraumer Zeit sehr einfache, normale Klamotten auf.

Zitat Wikipedia:

Damit wolle er ganz offen gegen die „Identität aus der Dose“ angehen und beweisen, dass man auch, wenn man immer dieselben Klamotten trägt, Rockstar werden kann.

Identität aus der Dose. Da sagt er was, der gute Farin. Inzwischen kann man sich diese Instant- Identity auch bei H&M kaufen. Das Palästinensertuch aus Bangladesh von den Schweden. Der Hungerlohn wurde von ihrem Konto angebucht – Hennes und Mauritz sagt Dankeschön.

Diese H&M-Rebells gehen dann im Hafenklang auf „Fight Lookism“-Parties die sich laut Beschreibung „gegen die Diskriminierung von Individuen aufgrund deren äußeren Erscheinungsbildes“ richten.  Ein Mitbewohner erzählte mir kürzlich, er sei dort mit Anzug und Krawatte aufgekreuzt und habe noch nie so lange auf ein Bier warten müssen. Welche Ironie.

Well, das ist so eine Sache mit dem anders sein. Ich versuchs lieber erst garnicht. Ich bin halt ganzschön anders.

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