Down High Times

Gestern war ein Tag wie heute. Es hat geregnet und ich hatte Zeit, war aber zu faul etwas mit der Zeit anzufangen, deswegen habe ich einfach gehofft, dass sie vergeht und habe Regentropfen an meinem Fenster vorbeihuschen sehen. Später huschte dann auch mein Mitbewohner vorbei und drückte mir die Biographie von Uschi Obermaier in die Hand. High Times. Und das, wo ich gerade beschlossen hatte meine Biografie bis hierhin Down Times zu nennen.

Uschi Obermaier, da war doch was…

Die, die mit Keith Richards, Mick Jagger, Jimi Hendrix und so vielen mehr geschlafen hat. Die, die so schöne Brüste hat, oder hatte.

Uschi kam mit einem Hüftfehler auf die Welt und musste eine Schiene tragen. Danach hören unsere biographischen Gemeinsamkeiten schon auf. Aber ich weiß auch nicht, ob ich sie für das, was dann passiert ist gut finden soll. Dass sie ständig Sex mit Musikern hatte erklärt sie damit, dass sie so sinnlich eingenommen von der Musik war, aber keinerlei musikalische Begabung hatte, und es ihr als nächster logischer Schritt erschien mit den Musikern zu schlafen. Aber nur mit den wilden Kerlen. Auf die stand sie nämlich.

Durch die Männer kam sie an Fotojobs, durch die Männer kam sie in die Bravo, durch die Männer kam sie rum. Und natürlich durch ihren schönen Körper.  Für die politisch engangierte Kommune 1 in Berlin wird sie aber wahrscheinlich immer das dumme Fotomodell, das bei Sitzungen immer bekifft einschlief, bleiben. Außer natürlich für Rainer Langhans, der beteuerte, dass sie nicht dumm sei, sondern einfach nicht so viel weiß…

Nervig an dem Buch ist, dass sie sich kaum hinterfragt. Sie traf Jimmy Hendrix kurz vor seinem Tod und behauptet, dass es mit ihm besonders intensiv und tief war. Später erzählt sie aber, dass er sie im Bus nicht wiedererkannte. Außerdem sprach die Obermaier kein Englisch und Hendrix kein Deutsch. Crap.

In dem Buch wird jedenfalls klar, dass vor allem die Medien, die den 68’ern ein kranke, chaotische und von Drogen  geprägtes Image aufdrücken wollten, größtenteils ihre eigene kranken Fantasien abdruckten, und dass vieles, was so erstrebenswert und wild erscheint, in Wirklichkeit oft undankbar und verzweifelt ist.  Der Teil, der mir in diesem Buch wirklich erstrebenswert erscheint, ist ihre Reise durch Indien, auch wenn es eine mit Heroin-Lines durchzogene Reise ist. Und auch später, als ihr der Ehemann,  die Hamburger Kiezgröße Bockhorn, bei einem Motorradunfall wegstirbt und sie sich umorientiert und endlich etwas findet, was ein wirkliches Talent ist: Das Silberschmieden.

Was dieses Buch bei mir hervorbringt ist Wut und Neid oder Bewunderung (hab mich noch nicht ganz entschieden). Wut, weil Frau O. nicht erkennt, dass ihre Rolle als Frau trotz des ganzen Trara um das ewige alles-wird-anders der 68’er immer von Männern bestimmt war. Und: Dass das rein aufgrund von Äußerlichkeiten so war. Ein dummes Fotomodell ist immerhin besser als eine verpickelte Politikwissenschaftsstudentin. Alle sind gleich, aber Männer sind gleicher.

Neid, weil sie trotzdem soviele aufregende Sachen sieht, aufregende Persönlichkeiten trifft, sexuell freizügig ist und einfach soviel rumkommt. Neid, weil ICH mich nicht traue, mich in einen Bus zu setzten und raus in die Welt zu fahren. Man nimmt eben auf Reisen immer  sich selbst mit. Es gibt kein Urlaub von der eigenen Persönlichkeit. Und deshalb wird man nicht mal eben Uschi Obermaier.

Ansonsten: Das Buch kann man in einem Rutsch durchlesen, das ist auch mal angenehm. Uschi Obermaiers Leben kann man hinterfragen, aber es ist ein gelebtes Leben.

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