Zweckaltruismus

Beim Busfahren werde ich, sonst nicht für exzessiv-altruistisches Verhalten verschrien, zum Übergutmenschen.

Wer sich das Bein gebrochen hat, oder im Rollstuhl daherkommt, sieht mich von meinem Platz aufspringen ein paar wohl einstudierte, sitzende Handgriffe an der sich im Eingangsbereich des Busses befindlichen Rollstuhlrampe vollführen. Nach der in Sekundenbruchteilen ausgeführten Prozedur lächele ich mild, sacke ein Dankeschön von der Person, der ich meine Hilfe aufgenötigt hab, ein und stelle mir vor, wie mir alle anderen Fahrgäste nun innerlich wohlgesonnen zunicken.

Der Knackpunkt und Grund des ganzen Zaubers ist eigentlich der Busfahrer. Der freut sich natürlich auch. Muss er nicht wieder diesen ebenso sorgfältig einstudierten theatralischen Jetzt-muss-der-Busfahrer-auch-noch-Behindertenpfleger-spielen-und-kriegt-doch-nicht-mehr-Geld-dafür-Blick aufsetzen. Er blickt deshalb so, weil er das ja nun nicht aussprechen kann, was er an Schmach versucht in diesen Blick zu legen. Und deswegen macht er auch alles ganz….ganz langsam. Wie ein bockiger Teenie, dem man die Playstation weggenommen hat, weil Mutti meint, dass gelegentliches Spülen den Charakter formt. Folgende Aktionen werden also in Zeitlupe ausgeführt: Ganz lange gucken (könnte ja jemand wie ich dabei sein), sich erheben, die Jacke überstreifen und in Passform bringen, Jacke zumachen, Schlüssel bedächtig aus dem Zündschloss, Fahrerkabine (falls vorhanden) pflichtbewusst abschließen, raus schlendern, Laderampe mit übertrieben langem, vorwurfsvollem Blick raus und rein, wieder reinstolpern, Fahrerkabine erleichtert aufschließen, Schlüssel ins Zündschloss, Jacke knitterfrei aufhängen, für angenehmen Sitz sorgen, losfahren, sich schon auf die nächste Vorstellung freuen, wenn der Rollstuhlfahrer wieder raus muss, 20 Minuten Verspätung den Rollstuhlfahrern dieser Welt anlasten.

Konklusion oder Praktische Tipps für alle Lebenslagen Folge #746: Wer dem Busfahrer zuvorkommt, hat Zeit und Nerven gespart.

Dazu muss ich noch sagen: Man kann eine altruistische Ader bei mir nicht ausschließen. Sie tritt zutage, wenn ich völligst betrunken andere noch Betrunkenere jenseits von Sprachfähigkeit und Motorik in die richtigen Bahnen bugsiere oder trage. Oder einen Trupp türkische Teenies anblaffe, sie sollen gefälligst den Doppelkinderwagen der bereits wieder trächtigen Gebärmaschine, die vor dem kaputten Aufzug steht, die Treppen runter tragen. Alles vollkommen engagiert und ungefragt. Ich hoffe immernoch, die Frau wollte die Treppe runter.

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