Ich lass das!

Mein erstes Mal Vegetarier sein.

Definieren sich eigentlich Freundschaften übers Essen? Übers Fleischessen?

Wenn ich aus Frankfurt, meiner Heimat weggefahren bin, war es oft so, dass wir einen Spaghetti Bolognese Abschiedsabend gemachthaben. Wir haben Nudeln und Fleisch gegessen bis wir platzten und waren über den Abschied hinweggetröstet.  Wenn wir unseren Mut testen wollten gingen wir ins Best-Worscht in Town und bestellten besonders scharfe Würste die uns glücklich machten weil sie uns den Schweiß auf die Stirn trieben und das Tresenpersonal eine hessische Fröhlichkeit an den Tag legte, die -ganz eindeutig- von der geheiligten „Worscht“ kam. Jägerschnitzel essen im Gambrinus erinnert an frühere Zeiten und andere Freunde von damals, die in einem Anfall von Kalauerigkeit das „Negerschnitzel“ erfanden, was bei Besuchen zum Besten gegeben wird. Manchmal gehen wir sogar in die ehemalige Schule um Fleisch zu essen – nicht um uns an die Schule zu errinnern, sondern an die Pausen und das Schwänzen und überhaupt die Zeit, die schon eine besondere war.

Gerichte erzählen uns Geschichten an die wir uns erinnern, wenn wir den Geschmack wieder auf der Zunge haben. Es hebt den Moment heraus und es ist als würde man mit Champagner auf etwas anstoßen.

Und weil wir eh soviel Fleisch essen und weil Fleisch essen -so wurde es von unseren Großeltern tradiert- etwas besonderes ist,  ist Fleisch meistens an dieser Mythenbildung beteiligt. Keiner sagt: Lass uns mal wieder auf den Feldberg fahren und Käsebrot essen!

Doch dass Fleisch für etwas steht und besonders ist, schlägt sich nicht in dem Preis nieder. Wir kaufen ein paar Kilo Tiefkühl Hähnchen für 2,99 und essen die Tiere wie Kartoffeln, die ja auch nicht viel günstiger sind. Es liegt nicht in unserem Interesse uns mit der Herstellung dieser Quasi-Beilage zu beschäftigen, weil wir eigentlich schon wüssten, dass ein Film über die Mast und Schlachtbedingungen ein Horrorfilm sein würde, nachdem wir vielleicht kein Hühnchen mehr essen wollten.

Warum sollte man sich das eigentlich antun? Ich hab es mir angetan und es passierte folgendes: Nichts.  Ich sah die armen kleinen Hinkel, die auf Förderbändern rumgeschubst werden, krank sind, zerquetscht werden, unbetäubt aufgeschlitzt werden… und aß M17, Panäng gai (Hühnerfleisch mit Erdnusssoße und Gemüse), bei dem Nepalesen bei dem ich so gerne nach dem Schwimmen war, als Ritual, begossen mit Pflaumwein, der einem von rotwangigen Nepalesen grinsend mit verschwörerischem Blick und den Worten “ Nock ein bisseken Teeeee?“ angeboten wurde. Soviel zu meiner beachtlichen Verdrängungsleistung. Wenn mir der Gedanke hochkam, auf welchem Huhn ich da wohl gerade rumkaue, dann biss ich weniger fest und schluckte dafür schneller und versuchte das gleiche mit dem Gedanken. Das hat funktioniert.

rechte bei zeit.deIch weiß nicht, wann der Moment kam, an dem es nicht mehr funktionierte. DIE ZEIT brachte einen Titel der mich mit dem zartesten Stück Fleisch anlockte und dann mich und die anderen Carnivoren anschrie „LASST DAS!“ Ja, das war wirklich der Titel! Inzwischen kenn ich all die Gründe, die gegen das Fleisch essen sprechen und die sind zahlreicher als die Gründe, die für das Fleisch essen sprechen. Es geht um die Umwelt, um die Tiere, die zuviel Scheißen; um die Böden, die die ganze Scheiße längst nicht mehr tragen können um Menschen, die in der Umgebung von Mastställen krank werden, die in der dritten Welt Hunger leiden weil wir soviel Fleisch fressen müssen. Es geht um meine Gesundheit, die der anderen, der Tiere und der Natur. Mit einem Wort: Es geht um VIEL.

Eine der Fragen die mich seither beschäftigen ist, ob es denn wirklich noch eine private Entscheidung ist, soviel Fleisch zu essen? Ob man den Markt nicht auf eine Weise regulieren sollte? Ob es sozial ungerecht ist, wenn sich ein Hartz IV Empfänger kein tägliches Schnitzel leisten kann? Ob man den Leuten sagen soll „Lass das!“?

mhhh, sieht jetzt aus wie türkische Wurst ;)

Wenn mir das jemand noch vor ein paar Jahren so offensiv befohlen hätte, hätte ich mich wahrscheinlich demonstrativ mit einer Bratwurst vor ihn gestellt und geschmatzt. Man lässt sich einfach nicht gerne was sagen. Inzwischen kommt mir das einfach nur verrückt vor und ich spüre eine Wut in mir, weil ich mich rechtfertigen muss, obwohl es anders herum sein müsste. Obwohl ich – sozial einigermaßen versiert- niemanden auch nur ansatzweise  missionieren will, ist das Unverständnis groß. Manchmal wird es als eine Art Spleen betrachtet, der bestimmt bald wieder aufhört. Dann soll ich zum Fleischessen bekehrt werden,  als wäre mir ein kulinarisch-weltanschaulicher Denkfehler unterlaufen. Ich frage mich, weshalb sich jemand dafür interessiert was ich esse, wenn sich doch auch keiner um die weiteren Aspekte meiner Verdauung schert. Ab heute twittere ich aus Protest über meinen Stuhlgang. Heute hatte ich noch keinen Stuhlgang, bin momentan etwas verstopft.

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2 Gedanken zu “Ich lass das!

  1. Gefällt mir gut. Du bist ja offenbar neu in diesem Metier und doch hast Du wohl so einige Standarderfahrungen zur Rezeption dieser Einstellung gemacht. Verstehe wer will, warum Vegetarismus als so exotisch erachtet wird.

    1. Standarderfahrungen, du sagst es! Obwohl ich mittlerweile die Leute fast schon ein bisschen verstehen kann. Ich fand am Anfang Veganismus beispielsweise total verrückt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie man auf Milch und Käse verzichten kann. Inzwischen ist mir aufgefallen, dass es eben diesen Unterschied zwischen mir und anderen Leuten gibt, dass ich nämlich sehr gut auf Fleisch verzichten konnte – ich fand’s eben nie besonders geil! Aber für Fleischfans ist das eben so wie für mich Milch-und Käsefan: Irgendwie verückt, darauf zu verzichten!. (Aber ich versuch trotzdem Milchprodukte zu reduzieren; man besteht ja schließlich nicht nur aus besinnungsloser Fressfreude!!!)

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