Ich möchte essen lernen

Die Stimme in meinem Kopf sagt mir: Vanessa, schreib etwas in dieses Internet! Schreib über den kulturellen Wert von Essen, schreib eine Kritik der reinen Nahrungsaufnahme, die Kant, den ollen Schnösel alt aussehen lässt! Ich weiß zwar nicht, wer das lesen will, ich will es aber schreiben. Deswegen: Viel Spaß und Bon Appétit!

Ich habe irgendwann mal so vor mich hin gesagt: Essen ist die einzige tägliche Wellness, die wir haben. Ich hatte nicht so richtig über den Satz nachgedacht und er hörte sich auch reichlich verbittert an wie „Nach dem Krieg hatten wir ja nix als Kaffee aus Wollmäusen“ wenn man nicht den Gedankengang dahinter kannte, der sich mir kurz und verschwommen auftat. Danach dachte ich nochmal über den Satz nach und wie ich ihn meinte und das war wohl etwa so: Ich lese ständig in Artikeln über positive Psychologie, dass Menschen, die ihr Geld in eine Erfahrung, also einen Kinobesuch oder eine Reise anlegen, glücklicher sind, als Menschen, die sich davon Gegenstände kaufen. Denn: Eine Erfahrung ist ein tiefes sinnliches Erlebnis das uns neue neuronale Verbindungen beschert und man kann daran zehren. Selbst eine schlechte Erfahrung bereichert, füllt das Leben mit Inhalt, während man sich ziemlich viele Sachen kaufen kann, ohne dann beim Besitzen der Sache irgendetwas zu spüren. Was, wenn man das Essen als Erfahrung sieht? Es ist ziemlich einleuchtend, dass Nahrung und Erfahrung/Kognition aus dem gleichen Schoße entsprungen sind; die Sprache erzählt hier Bände: Wir müssen die Geschehnisse erst einmal verdauen, wir hungern nach Erfahrung, brauchen geistige Nahrung wir verschlingen ein Buch und sind informationsdurstig.

Um eine tägliche Erfahrung reicher ist der, der die Nahrungsaufnahme nicht als profanen Vorgang des Magenbefüllens sieht, so wie Müll raustellen oder so, sondern dem ganzen Ritual und dem Essen selbst wieder einen Wert gibt, also derjenige der achtsam ist. Und das meinte ich wahrscheinlich mit Wellness. Dabei denke ich aber nicht an ein Kurhotel in der Schweiz und Fangopackungen, sondern die Art zu leben, die einen zufrieden macht. Man verwechselt aber leider Wellness oft mit dem Wort aus der Werbung, das einem suggeriert, dass gleich einer kommt und dir den Rücken massiert.

In Deutschland haben wir traditionell Probleme damit, einen Vorgang, den man ebenso gut pragmatisch sehen kann, mit  Muse und Kunst in Verbindung zu bringen, dabei heißt es doch Kochkunst und nicht Kochtechnik. Und da Klischees im Kern meist wahr sind: In Frankreich sieht man den verbeulten Kleinwagen vorm Delikatessengeschäft und hier den Mercedes vorm Aldi. Bin das nur ich, oder sieht da sonst noch wer ganz andere Werte und Prioritäten?

Wenn es eine Schule für Essen und Genießen gäbe, ich würde sie sofort besuchen! Ich habe nämlich das Gefühl, dass ziemlich gut in diese Kategorie passe, die Jean Anthelme Brillat-Savarin (Diese Franzosen können nicht einfach Klaus Schubert  heißen) 1826 in seiner Physiologie des Geschmacks  beschreibt:

Fresser und Säufer verstehen nichts vom Essen und Trinken.

Aber wie soll ich etwas von Essen und Trinken verstehen, wenn ich noch nicht einmal weiß, woher die Kartoffel kommt, die ich gerade esse. Wenn ich keine zwei Sätze darüber sagen kann, wenn ich vielleicht noch nicht einmal weiß, ob Ananas an Bäumen hängt oder auf dem Boden wächst. Wie soll ich ein Huhn und sein Leben wertschätzen, wenn ich es nur in Folie eingepackt und tiefgekühlt kenne? Genannter Gastrosoph sagt hierzu:  „Ein echter Feinschmecker, der ein Rebhuhn verspeist hat, kann sagen, auf welchem Bein es zu schlafen pflegte“ Welchen Wert hat eigentlich ein Mittel zum Leben/Lebensmittel, wenn man es für 99 ct beim Discounter kaufen kann und man über das Essen nur den günstigen Preis weiß, aber nicht, wer von dem wenigen Geld leben muss.

Das sind zwar ziemliche First-World-Problems, aber doch immer noch Problems; die Probleme einer industriellen Gesellschaft, deren Konsumenten vom Produkt völlig entfremdet sind. Was fremd ist, ist nicht so viel wert.

Ich denke, dass sowas inzwischen immer öfter zu solchen Problemen wie meinen führt: Oft weiß ich leider nicht, wo der Genuss (falls er überhaupt da war) aufhört und wo die Völlerei und die Sucht beginnt. Die Sucht ist bei mir eine Suche nach einer sinnlichen Erfahrung, die ich mir aber in dem Moment selbst mit meiner Gier und dem An-der-Zunge-Vorrbeischleußen,verweigere. Das ist ungefähr so wie Sexsucht: Man knattert eine/n nach der anderen, aber befriedigt ist man nicht.  Mein Projekt ist es deshalb, das Essen zu lernen.  Mithilfe von guten Lebensmitteln, die ich achte, über die ich etwas weiß oder die mich neugierig (statt nur gierig) machen.

Achtsam essen

Auf die Idee gekommen bin ich durch das Blog Achtsam essen *klick*, auf das ich gerade wieder geschaut habe und welch Überraschung: Da drüben machen sie auch die Vegan for fit Challenge. Beim Achtsamen essen geht es wie bei Achtsamkeitsmeditationen aus dem Zen-Buddhismus darum, im Hier und Jetzt zu sein, den Moment zu achten. Und das ist verdammt klug;  in der Psychologie nennt man ein solches Erleben Flow, das bedeutet, sich vollkommen in eine Tätigkeit vertiefen in dem perfekten Moment zwischen Überforderung und Unterforderung. Das ist z.B. der Programmierer, der im Hack Mode, also unter Ausschaltung aller anderer störender Gedanken, an seinem Code rumbastelt, das ist guter Sex, das ist ein Kind beim Spielen, oder jemand der stundenlang  Playstation zockt und die Zeit vergisst und das bin ich, wie ich diesen Blogbeitrag bastel. Völlig im Moment, in der Tätigkeit aufgehen ist ein selbsterzeugtes Glücksgefühl, weil wir dabei unsere Sorgen vergessen. Das Gehirn ist einfach nicht in der Lage sich gleichzeitig auf eine fordernde sinnliche Aktivität und auf Sorgen und Gedanken, die nicht den Moment betreffen, zu konzentrieren.  Je öfter wir diesen Flowzustand erfahren, desto besser. Dazu sag ich nur: Thoughts are like monkeys, you have to get rid of them.

Beim Achtsamen essen geht es aber auch darum, das Essen und nicht nur den Vorgang zu achten. Auf dem Blog wird Dorris Dörie zittiert, die den Film How to cook your life gemacht hat, den ich unbedingt mal sehen möchte: “Man muss nicht nur lernen, was Nahrungsmittel beinhalten, wir müssen auch wieder lernen, einen Respekt für die Lebensmittel und für uns selbst zu haben. … wie viel ist Dir Essen wert und fragt dann gleich weiter, wie viel bist Du Dir wert?“

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