Bio ist für mich Ablass

Alles ist im Fluss und ein konkretes Beispiel persönlicher Desillusionierung

Sich selbst zu lesen, zu sehen, wie man einmal dachte, ist wie ein Handabdruck in Salzteig, den die Eltern von ihrem Sprössling im Säuglingsalter machen ließen. Man kann nicht glauben, dass man da mal reingepasst hat. Und wegschmeißen kann man den Scheiß auch nicht, obwohl er kitschig und oll ist.

Wie ich mal dachte, man könne eine bessere Welt kaufen – Ein Rant

Es gibt ein konkretes Beispiel, wo sich meine Meinung radikal gedreht hat und ich beim Wieder-lesen des Blogbeitrags nur dachte, dass es Zeit für Zeitreisen wird – und sei es nur um meinem alten Ich mal den Kopf zu waschen. Ich habe jetzt keine Lust die betreffende Stelle zu suchen aber ich schrieb sowas wie „blabla bin ich der Meinung, dass die Macht komplett beim Konsumenten liegt“. Ich meinte damit: Wenn der Konsument endlich gute Lebensmittel kauft, wird es auch nur noch gute Lebensmittel geben, wegen Nachfrage-Angebot-Gedöns. So nach dem Motto: Wenn alle Chinesen alle auf einmal von einem Stuhl springen, gibt’s ein Erdbeben…. Abgesehen davon, dass die Chinesen wahrscheinlich nicht davon zu überzeugen sind, alle auf einmal von einem Stuhl zu springen, hat vielleicht zu allem Übel nicht einmal jeder Chinese ein Stuhl(!!!!!!!). Es ist also ein Problem, bei dem es schon an den Voraussetzungen hapert. Ich meine also: Es fehlt  den meisten Menschen einfach an finanziellen, kognitiven oder zeitlichen Ressourcen. Es würde Ewigkeiten dauern, diese Menschen dazu zu bekommen den Markt durch ihre Nachfrage umwelt- und tierfreundlicher zu gestalten.  Es ist für die Mehrheit einfacher, preissensitiv einzukaufen. Das soll jetzt nicht abwertend klingen – ich kann es selbst auch nicht erwarten, das Lidl-Prospekt in den Händen zu halten um zu gucken ob mein Leib- und Magengesöff Schwip-Schwap im Angebot ist. Fakt ist: Der Anteil der Konsumenten, der ausschließlich im Biomarkt kauft, wächst schon länger nicht mehr, es wird aus meiner Perspektive eine Nische von unprekär-beschäftigten Funktionsjackenträger/innen*&“§ bleiben. Es gibt zwar hier und da ein bisschen Wachstum im Bio-Bereich, vor allem beim Discounter-Bio, aber dafür wird auch Bio immer schlechter. Solange das so ist, wird Bio vor allem eins bleiben: Ein Marketingbuzzword für ein bestimmtes Segment von Kunden. Kunden, die glauben, die konsumgebeutelte Welt mit ihrem Konsum zu verbessern.  „Kauf dir eine bessere Welt“, das ist der Wahlspruch vom nachhaltigen Verbraucherportal utopia.de.  Nachhaltig ist daran aber nur, dass  wir alle nachhaltig eingelullt sind von dem Gefühl, der Selbstüberschätzung, es alleine schaffen zu können, während sich die Politik unbemerkt aus der Affäre ziehen kann und den nächsten Agrarindustriellen mit bombastischen Subventionen pampert. Lebensmittel dürfen so billig verkauft werden, dass noch nicht mal die Angestellten des Betriebs ordentlich bezahlt werden können und dann logischerweise den Mist, den sie selbst herstellen, kaufen müssen, statt sich gute Lebensmittel leisten zu können. Mit dieser Billig-Politik erzeugt man auch immer gleich die prekär lebenden Konsumenten, die Working Poor – und das nicht nur im Bereich der Lebensmittel. Wie praktisch.

Ich hatte schon des öfteren ein gewisses Unbehagen, was Bio angeht und inzwischen weiß ich auch warum. Bio für alle wäre schön, aber Bio gibt es nur für einige wenige, die sich dabei auch oft noch besser fühlen. Es ist ein riesiger Ablasshandel, der eigentlich viel mehr das jetzige System zementiert, gerade indem er die Verbraucher glauben lässt, sie würden etwas Entscheidendes verändern. Was tatsächlich verändert wurde: Man kann jetzt Konsument 1. Klasse und Konsument 2. Klasse sein. Erster Klasse ist natürlich vor allem dann besser, wenn der SUV in der eigenen Peer Group als zu protzig gilt. Dann muss man halt jeden Donnerstag zu BioVegan-Naschmarkt, wo es dieses tollen Käse gibt, der von Pygmäen in der Schweiz handgekeltert und dann im Magen einer antiken Hausziegenrasse veredelt wird, die den Käse in Knödelform auf Duftgras aus dem Himalaya scheißt.

Damit will ich nicht sagen, dass Bio kaufen etwas Schlechtes ist. Sicher, wer es sich leisten kann, soll sich etwas Gutes tun, und es wertschätzen, dass er weiß, woher sein Essen kommt. So mache ich das auch. Aber gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass nur die Politik in der Lage ist, der Agrarindustrie die Stirn zu bieten und dass es nicht reicht Bioäpfel zu mampfen.

Ablasshandel mucho

Dabei ist mir aufgefallen, dass dieser Ablasshandel nicht nur im Biomarkt funktioniert. Statt sich selbst um den grünen Fußabdruck zu kümmern, bieten Verkehrsunternehmen jetzt beim Ticketkauf an, einen Betrag zu zahlen, damit man klimaneutral reist.  Der Kunde nimmt es dankbar an. Bei Starbucks kauft man nicht einfach einen Kaffee, man kauft einen Kaffee, der einem garantiert, dass die Arbeiter fair entlohnt wurden und die Umwelt nicht belastet wurde. Beim Bier saufen retten wir den Regenwald.  Es kommt einem vor als dächten die Leute, wenn sie mit einer Zwangsprostituierten schlafen und ihr dafür 3 Cent mehr geben,  helfen sie, die Zwangsprostitution abzuschaffen.

Durch solcherlei „grüne“ Marktstrategien, wird die Verantwortung auf das Individuum abgewälzt, die Situation wird ent-politisiert und es wird der Zeitpunkt kommen, an dem der Verbraucher einfach überfordert ist von dem eigenen moralischen Anspruch strategisch zu kosumieren ohne sich dabei je wirklich ein Gesamtbild von den tatsächlichen Auswirkungen seines Handelns machen zu können, weil das einfach zu komplex für die meisten Normalverbraucher ist (Ohnmacht). 

„Ein Ausschnitt aus einem Vortrag von Slavoj Žižek über Wohltätigkeit und die Idee eines globalen Kapitalismus mit einem menschlicheren Antlitz, großartig von RSA visualisiert“ Gefunden bei hirnbloggade.de:

 

Fazit: Bevor ich meine vorherige Meinung gepoppert (falsifiziert) hatte, war ich glücklicher; ich meinte zu wissen, was ich tun muss um etwas zu verändern, war aber auch gleichzeitig etwas erdrückt von der moralischen Verantwortung, die auf mir als strategischem Konsument (zumal ohne dickes Portemonnaie) lastete. Jetzt bin ich erdrückt von der Ohnmacht, die ich gegenüber der Politik verspüre…was war da jetzt eigentlich besser? (Ich rolle gerade so mit den Augen, dass man nur noch das Weiße sieht)

 

Macht kaputt, was ihr euch danach neu kaufen könnt

Das hier unten ist ein Webcambild von einer Glühbirne, die seit 1901 brennt. SEIT 1901!!!!! NEUNZEHNHUNDERTEINS!!!! SEIT 111 JAHREN!!!! Wenn man sich darüber erst einmal eingekriegt hat, dann kommt der nächste Brüller: Die Lampe wird von einer Webcam, die alle 30 Sekunden ein Bild macht, gefilmt. Seitdem hat sie mehrere Webcams überlebt.

Die Glühbirne hängt in einer Feuerwache in den USA und stammt aus einer Zeit, in der die Ingenieure Produkte herstellen sollten, die nicht verschleißen. Wäre das heute noch so, würden wir unsere Wohnungen einmal mit Glühbirnen ausrüsten und die Glühbirnen würden uns unser ganzes Leben begleiten, sie würden uns wahrscheinlich sogar überdauern.

Da dachten sich aber die Glühbirnenherrsteller, dass das aber keine schlaue Verkaufsstrategie ist und setzten in gemeinsamer Kartellarbeit die Lebensdauer einer Glühbirne auf 1000 Stunden fest. Wenn man also Glück hat, hat man dann für 2 Jahre Licht.

Arte hat einen Film darüber gemacht, wie Produkte in voller Absicht zu Verschleißwerk gemacht werden. Wo die Reparatur so teuer wäre, dass man sich lieber gleich ein neues Gerät kauft.

 

Wer findet sowas gut? Hoffentlich versinkt die Menschheit mal in einem gewaltigen Müllberg.